Antares: Hintergrund eines einfachen Mädchens aus Perona
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Antares: Hintergrund eines einfachen Mädchens aus Perona
von Elladora am 15.03.2026 00:16Erkenntnis
Mir fiel es das erste Mal auf, da war ich knapp fünf Jahre alt. Ich verstand es da noch nicht ganz. Es waren ein paar Worte, ein paar Worte in einem Streitgespräch meiner Eltern. Ich war zu jung und verstand sie nicht, aber sie kehrten häufig wieder. In Träumen, meinen Alpträumen. Da sagte sie es immer wieder:
Was sollen wir bloß mit Dreien machen?
Das meine verzweifelte Mutter uns drei Kinder meinte, erschloss sich mir. Warum sie weinte, wusste ich aber nicht. Der Grund kümmerte mich auch nicht, viel eher wollte ich nicht, dass sie weinte. Deswegen lief ich auf kurzen Kinderbeinen zu ihr und umschlang ihr Bein auf meiner Höhe.
Ich höre im Traum immer noch ihr Schniefen und spüre die Wärme ihrer Hand, als sie diese auf meinen Kopf legt und sich zu mir herunter beugt. Traurig mir über das kurze Haar streichend. "Ach, Theodora... Warum bloß?"
Ebenso wie meine ältere Zwillingsschwester das Recht hat. Und meine Eltern müssen wohl oder übel drei Kinder versorgen, selbst wenn sie nur zwei wollten.
Und dank meinem jungenhaften Haarschnitt können meine älter werdenden Eltern Theodora und mich so langsam auch voneinander unterscheiden.
Der Geburtstag
"Alles Gute zum Geburtstag, meine Lieben!"
Meine Schwester und ich werden gleichermaßen an unsere Mutter gedrückt und dürfen uns so gegenseitig auch umarmen, obwohl wir unseren gestrigen Streit noch nicht vergessen haben.
Ich starre Theodora finster an und sie streckt mir in einem unbeobachteten Augenblick die Zunge heraus. Mutter und Vater bemerken weder das eine noch das andere, als sie uns nacheinander in die Arme schließen, aber David gibt uns beiden einen Klaps auf den Hinterkopf. "Herzlichen Glückwunsch zu eurem 14.Geburtstag. Noch drei Jahre, dann sind Mom und Dad euch endlich los", meint er mit einem Grinsen auf dem Gesicht.
"Warum sollten wir ausziehen? Bist du doch auch nicht", kontere ich, während Theo auch David die Zunge herausstreckt und sich dann an den Frühstückstisch setzt, der mit Brot, frischem Fisch und hartgekochten Eiern gedeckt ist.
"Ich mache eine Lehre als Tischler und bringe so auch Geld mit. Theo will sobald es möglich ist nach Froenya an die Musikschule und dann kann sie sicherlich nicht hier wohnen bleiben. Und du? Hast du dich endlich entschieden?" Seine dunkelblauen Augen, die er von Mutter hat, schauen mich durchdringend an. Es ist klar, was ich sagen werde, aber dann wird Theo nur wieder lachen, Dave die Augen verdrehen und Mutter und Vater sich diesen Blick zuwerfen. Also bleibe ich still und setzte mich pampig meiner Schwester gegenüber.
"Dein Bruder hat aber Recht", ergreift mein Vater das Wort und ich habe kurz Angst, dann spricht er aber weiter: "Theodora, wenn du nach Froenya willst, brauchst du dort eine Bleibe. Wir sind nicht die Reichsten, Liebes, du wirst dir bald eine vorübergehende Arbeit beschaffen müssen, um Geld zusammenzusparen, so leid es mir tut, das zu sagen."
Theodora reagiert wie erwartet nicht sehr friedlich und verständnisvoll. "Waas?! Ich soll arbeiten gehen? Wo denn? Am Hafen? Ich muss singen und musizieren üben, sonst werde ich da nie aufgenommen. Warum kann sie nicht für mich arbeiten gehen, während ich übe? Sie wird euch doch sowieso noch Ewigkeiten ein Klotz am Bein sein, so untalentiert, wie sie ist."
Fast lasse ich mein halb gepelltes Ei fallen. Ich wage es nicht, aufzublicken, schließlich ruhen jetzt vier Augenpaare auf mir. Mein Vater räuspert sich, aber ich tue weiterhin so, als hätte ich nichts gehört und löse die Eierschale mit zitternden Fingern weiter ab.
"Theo, wirklich ...", sagt dann meine Mutter, die Stille durchbrechend.
"Was denn? Ist doch wahr! Den lieben langen Tag ist sie bei dem Alten oder hockt auf Dächern herum. Wenn sie in eine Flöte pustet, kann sie jedes Getier verscheuchen, so grell sind die Töne, und singen kann sie auch nicht!"
So langsam wird es mir etwas zu bunt. "Na, immerhin habe ich noch nicht beide Fischersjungen geküsst!", schieße ich zurück und mein Spiegelbild wird rot. "Du hast doch versprochen-"
Ich unterbreche sie: "Ich sagte lediglich, dass ich vorerst nichts sagen würde. Das ist jetzt ja schon eine Jahreszeit her." Ich grinse überlegen, aber spüre den Blick meines Bruders auf mir, der wenig begeistert zu sein scheint.
Immerhin sagt er nichts.
Die hübsche, knallrote Theodora schafft es nicht, irgendwelche Worte hervorzubringen. Sie hatte ja schon eingestanden, das dem so gewesen war. Ich an ihrer Stelle wäre schlauer gewesen und hätte vermutlich auch ein Ei nach mir geworfen, aber doch nicht die zarte Dora.
Mutter ergreift das Wort, aber jedes ihrer Worte ist in einem hilflos-verzweifelten Tonfall gesprochen: "Kinder, bitte, es ist euer Geburtstag, vertragt euch doch."
"Dad?", fragt Theodora, anscheinend Schutz erhoffend.
"Du hast doch angefangen!", mache ich weiter. "Ich sitze nicht nur blöd herum und alt ist Azariel nur für menschliches Befinden. Er ist schließlich ein Hochelf!" Meine braunen Augen verengen sich wütend, als Theo nicht darauf reagiert. So langsam bekomme ich aber Angst, den Blick zu Vater zu wenden, denn er hasst es wie die Pest, wenn wir streiten.
Und wie erwartet, eine Standpauke seinerseits lässt nicht mehr lange auf sich warten: "Aufstehen, Antares, sofort!" Das tue ich auch schnell, genauso wie meine Schwester und auch mein Bruder, der mit der Sache ja eigentlich nichts zu tun hat. "Theodora, über Bens Söhne reden wir später. Elladora, fall deiner Schwester nicht so in den Rücken, verstehst du? Das ziemt sich nicht!"
"Es ziemt sich nicht?", frage ich empört. "Sie hat auch über mich hergezogen. Ich war immerhin ehrlich!" In meinen Augen war es richtig gewesen, so zu handeln, aber nach Jahren des Streitens war ich wohl etwas subjektiv.
Mein Vater scheint das jedenfalls nicht so zu sehen. "Das ist egal. Denkst du wirklich, deine Mutter und ich wüssten nicht, dass Theodoras Aussagen nicht der Wahrheit entsprachen? Trotzdem hatte diese Verleumdung ein wichtiges Thema angesprochen: Welchen Beruf willst du ausüben, wenn du erwachsen bist? Dein Bruder hat seine Lehre vor drei Jahren angefangen, da war er gerade mal ein Jahr älter als ihr beiden jetzt. Nächstes Jahr wird er bereits als vollwertiger Tischler arbeiten können und selbst Geld verdienen. Und was wirst du machen? Und sag nicht mehr Kundschafterin!"
"Aber auf Jagden werden Kundschafter immer wieder gebraucht! Und Onkel Jarren hat mir versprochen, ich dürfte mit ihnen gehen und so lernen!", protestiere ich zum hundertsten Male.
"Das ist kein anständiger Job, Ell! Nimm doch endlich Vernunft an! Und als Jägerin-"
Ich lasse ihn nicht weiter reden. Was erlaubt er sich, über mein Leben zu entscheiden? Er und Mutter hatten es mir geschenkt, also war es mein Leben allein, über das ich frei verfügen durfte! "Ich will aber durch die Wälder streifen, nach Fährten Ausschau halten und die Beute für die Jäger sichten, damit sie nicht mehr tagelang im Wald herumirren müssen, sondern nur einen. Dann könnten sie ihre Kräfte besser einsetzen und mehr Beute erjagen. Dadurch bekämen wir mehr Fleisch auf den Markt und wir müssten nicht immer nur Fisch essen. Nur dadurch, dass ich die Vorarbeit leiste! Und das ginge nicht nur für Jäger. Auch wenn jemand in den Perona-Forst flüchtet, könnte ich ihn suchen gehen. Ich bin ganz leise, wenn es sein muss und ich kenne den Wald sehr gut. Zudem ist der Wald keine so große Gefahr-"
Jetzt unterbricht mich mein Vater. Aber nicht mit Worten, sondern er hebt einfach nur still seine Hand. Er hat recht. Dieses Gespräch bringt nichts, wir haben es schon tausende Male geführt und dazu ist Vater so dickköpfig wie ich selbst. Er hatte mir zugehört, aber seine Argumente befand er selbst immer als die stärkeren. Du könntest doch auch Jägerin in einer Gruppe werden. Du könntest doch auch Fischerin wie ich werden. Du könntest doch auch in die Fußstapfen deiner Mutter treten. Das alles wollte sie aber nicht.
Aber mir fällt noch etwas ein, jetzt, wo Theo ihre Wahl ganz offen erklärt hatte und auch akzeptiert wurde: "Außerdem ist Musikerin und Tänzerin auch kein Beruf, mit dem man sich gut über Wasser hält. Die meisten haben entweder viel geerbt oder noch einen zweiten Job. Besonders in den ersten Jahren, wo man nicht so bekannt ist, müssen das die meisten." Das hatte ich von Azariel erfahren. "Die einzigen Begabungen, die ich an Dora beobachte, sind ihre Fertigkeiten bei Blasinstrumenten und dem ansehnlichen Tanzen."
Meine Mutter und meine Schwester schnappen nach Luft und die Augen der beiden Männer weiten sich entsetzt. Mein Vater bekommt einen gefährlichen Gesichtsausdruck und ich versteife mich schon, wäre es nicht das erste Mal, das er mich schlägt. Seine Hand lässt auch nicht lange warten, sondern trifft meine Wange hart. Immerhin falle ich nicht und habe mir auch nicht auf die Zunge gebissen, aber es brennt und ist auch sicherlich gerötet. "Du redest hier über deine Schwester!!", brüllt er und packt mich am Kragen meines Hemdes, aber meine Mutter schreit entsetzt seinen Namen und er fasst sich augenblicklich wieder und ergreift die Flucht aus dem Haus.
Es ist nicht selten, dass er sich nach einem Wutausbruch seinerseits schämt und sich selbst nicht in die Augen schauen kann. Auch dies betreffend bin ich ihm sehr ähnlich.
Ich weiß, dass er mich nicht wissentlich schlagen wollte, deswegen nehme ich es ihm auch nicht übel, und wenn ich so meine den Tränen nahe Schwester ansehe, bin ich vielleicht wirklich zu weit gegangen.
In der Küche ist es jetzt verdammt still geworden, meine Mutter ist zu Theo herum gekommen und hält sie jetzt im Arm, hat aber den Kopf abgewandt, mein Bruder ist still, aber ich tue jetzt nicht unterwürfig wie eine Maus, nein, ich bin keine Maus, ich werde mich nicht vor mir selbst verstecken. Also schaue ich ihn an. Nur von den Augen her unterscheiden wir uns. Und er ist vielleicht ein bisschen größer, aber wir beide sind eher klein, tragen unser dunkles Haar kurz und haben ausdruckslose Züge im Gesicht, auch wenn wir beide breit grinsen können, wenn wir nur wollen.
Ihm gefällt mein Blick heute aber nicht. Nein, er packt meinen Arm und wendet auch den Kopf ab, während er mich hinter sich die Kellertreppe herunterschleift.
Der steinerne Raum ist nur zum Teil zur Lebensmittellagerung gedacht, in erster Linie dient er meiner Schwester und mir als Zimmer. Getrennt sind unser beider Bereiche nur durch einen Vorhang, der leichter aufzuhängen und hübscher war als hölzerne Trennwände.
Erst in meinem "Zimmer" lässt er meinen Arm los und atmet tief durch. Seitdem ich denken kann spielt er schon Streitschlichter zwischen Theo und mir und ist meistens erwachsener als Vater es jemals schaffte. Und verantwortungsvoller als Mutter.
Bevor David spricht, reibt er sich mit beiden Händen die Schläfen, als müsse er Kopfschmerzen vertreiben. "Wie kannst du es eigentlich wagen?", fragt er langsam und bedacht mit einer Lücke zwischen jedem Wort, nur zum Ende hin wird er lauter und so kann man auch wenn man nicht darin geübt ist, seine Mimik zu deuten, hören, wie kurz auch er vor einem Wutausbruch ist.
Mir fallen keine Worte ein. Wie war das noch einmal mit der Maus? Ich horche in die Stille hinein und versuche sowohl das Schluchzen meiner Schwester als auch Daves wütend funkelnde Augen zu ignorieren. Vielleicht wäre eine Entschuldigung angebracht, aber ich bin nicht bereit, einzugestehen, dass ich im Unrecht war. Nein, das schon, aber nicht, ich alleine. Hätte Theo nicht angefangen, wäre all das nicht gesagt worden. Also bleibe ich still.
"Bei allen Höllen, Ell, wie kamst du auf die Idee, deiner Zwillingsschwester so etwas zu unterstellen?" Seine Stimme ist eisig und bringt mich dazu, mehr zusammenzuzucken, als bei Vaters Hand.
Mittlerweile lasse ich doch den Blick sinken. Vergiss doch deine dumme Maus... Trotzdem sage ich die Wahrheit, ist nicht meine Schuld, wenn sie ihm nicht gefällt. "Nun, sie kann gut singen, sie spielt Flöte und Harfe und kann so gut tanzen wie manche der Tänzerinnen in den Pups und die verkaufen ihre Spalte, um sich etwas dazu zu verdienen. Noch dazu hatten die Jungs am Hafen immer wieder Witze über Blasinstrumente und deren Doppeldeutigkeit gemacht. Die machen immer wieder obszöne Witze hinter ihrem Rücken, das habe ich gehört. Im Gegensatz zu mir ist sie ja ansehnlich. Und sie hat ja schon zwei Jungen binnen eines halben Jahres geküsst, ich habe noch nicht einmal mit einem gekuschelt. Da liegt es ja nicht so weit fern auch anzunehmen, dass sie mit so etwas keine Probleme hätte..."
"Genug!", unterbricht mich mein Bruder müde, aber mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zulässt. "Solche Sachen will ich nie, nie, nie wieder hören, hast du mich verstanden? Du hast Theo verletzt, das weißt du hoffentlich. Und hoffentlich weißt du auch, dass das von dir nicht in Ordnung war. Also geh dich bei ihr entschuldigen. Welche Jungen sie küsst und welche nicht, ist ihr überlassen."
Ich glaube, ich höre wohl nicht recht. "Bist du jetzt etwa mein Vater?", frage ich ungläubig. "Sie hat als aller erstes angefangen, mich zu beleidigen. Ich will auch eine Entschuldigung, davor bekommt sie keine von mir."
"Warum, im Namen des Geflügelten, musst du nur so geizig sein?", fragt mein Bruder, diesmal aber ohne jeglichen Zorn in seiner Stimme, und lässt sich auf mein Strohbett fallen.
Das war zwar eine rhetorische Frage, aber ich antworte trotzdem: "Weil es immer nur Platz für eine von uns gibt. Theo oder ich. Selbst zwei unserer Spitznamen teilen wir uns: Dora und Dor. Dazu teilen wir uns den Keller, unser Essen, unsere Eltern, dich ... Eine ewig lange Liste. Ist doch wahr", falle ich ihm in die unausgesprochenen Worte des Protestes. "Unsere Eltern wollten zwei Kinder. Ein Junge und ein Mädchen, keins mehr. Und dann kam ich."
Eine Entschuldigung
Danach drehe ich mich auf den Absatz um, noch bevor mein Bruder etwas sagen kann. Wütend stapfe ich die Treppe hoch, vorbei an der leeren Küche - Mutter und Dor scheinen nach oben gegangen zu sein - und hinaus in die Stadt beschienen von der hellen Aprilsonne. Ich vergrabe meine zu Fäusten geballten Hände in den Hosentaschen und laufe die Straßen des Brückenviertels hinauf. Irgendwann komme ich auf die Hauptstraße, was ich daran erkenne, dass das Kopfsteinpflaster von Ziegeln abgelöst wird. Auch diese Straße stapfte ich stur hinauf, überquere die ein oder andere Brücke und lande irgendwann im ältesten Viertel Peronas. Das Nobelviertel.
Azariel werde ich um diese Uhrzeit sicherlich zuhause antreffen, hoffe ich. Ich schaue immer noch nicht auf und lasse meine Füße den Weg gehen, den sie so häufig schon gelaufen sind. Vor der weißen Villa, die so prunkvoll ist wie jede andere in dieser Nebenstraße - soll heißen, sie ist hübsch und nicht billig, hat aber kaum einen Bruchteil von dem gekostet, was man für eine an der Hauptstraße verlangt -, bleibe ich stehen und klopfe.
Während ich warte, dass Azariel, der sich immer noch weigert, sich Diener anzuschaffen, öffnet, schaue ich mir die Maserung der weiß gestrichenen Haustür zum sicherlich hundertsten Mal meines Lebens an.
Heute muss ich nur gefühlt fünf Stunden warten, bis der, die 2000 schon überschritten habende, Hochelf mir öffnet. Mit meinem Vater hinter sich.
Habe ich schon erwähnt, wie sehr ich nach meinem Vater komme?
"Oh", bringe ich heraus.
"Oh", echot mein Vater.
Azariel verdreht die Augen. "Komm rein, Ell." Er tritt zur Seite, sodass ich hereintreten kann, dabei bleibt mein Blick auf dem Boden, während ich den Blick meines Vaters aber klar spüre. Ich muss mir nicht erst die Schuhe abstreifen, denn ich habe gar nicht erst welche angezogen, und laufe geradeaus ins Wohnzimmer, wo ich mich auf dem Sofa zusammenrolle.
Ich höre die Schritte als mir die beiden folgen. Einer von beiden nimmt neben mir auf dem Sofa Platz, das merke ich, da sich das Kissen eindrückt. Sicherlich Azariel, denn er streicht mir mit langen dünnen Fingern durch die kurzen Haare. "Julian hat mir erzählt, was passiert ist. Ist nachdem er gegangen ist, noch etwas vorgefallen?"
Ich bin nicht in der Stimmung, ihm zu antworten, aber er fragt erneut und ich weiß, dass er nicht locker lassen wird. "David hat mit mir gesprochen und Theo weint."
Vielleicht nickt der Hochelf, aber ich habe die Augen geschlossen also sehe ich nichts, jedenfalls erwidert er nichts, sondern steht auf.
Die beiden verlassen das Zimmer und lassen mich alleine.
So verbringe ich die nächste Zeit. Vielleicht sind es nur einige Minuten, eine halbe Stunde, aber es fühlt sich länger an.
Während ich warte, habe ich wahrlich genug Zeit, um mir selbst Vorwürfe zu machen.
Irgendwann habe ich wieder genug Kraft, mich aufzusetzen, und reibe mir die Augen. Habe ich geweint? Ich bin mir nicht sicher, wenn, dann sind die Tränen schon wieder getrocknet.
Mein Vater ist nicht im Raum, aber Azariel sitzt in einem Sessel und liest eins seiner riesigen Bücher, die ich nie im Leben auch nur anfassen würde.
"Wo ist Vater?", frage ich müde.
Mein Onkel schaut auf. "Er ist nach Hause gegangen. Er wollte nach deiner Mutter schauen."
"Und nach meiner Schwester, wie?", versuche ich zu scherzen, aber es verletzt mich, dass er zu ihr geht und nicht bei mir wartet.
"Julian weiß ja, dass ich gut für dich sorge. Willst du etwas zu essen?" Er klappt das Buch zu und auf dem Einband lese ich etwas von den Wundern Dominiccas.
"Ich habe keinen Appetit", lehne ich ab.
Er nickt. "Es war das übliche, das dich aufgeregt hat, nicht? Dein Berufswunsch?"
Deswegen liebe ich Azariel. Er hält sich nicht mit unsinnigen Fragen auf, sondern ist schlau genug, sich die Antworten selbst zu denken.
"Vater hat wieder diskutiert und dabei haben sie Theos Wunsch akzeptiert! Und-"
"Ja, Musiker sind nicht die Höchstverdiener, da stimme ich dir zu."
"Immerhin einer", gebe ich sarkastisch zurück.
Er lächelt mich schwach an. "Ell, du verstehst aber, dass deine Eltern nicht wollen, dass du dich ständig im Wald herum schlägst, oder?"
Ich verziehe das Gesicht. "Es ist nicht der Dreiebenenwald, sondern der Perona-Forst", halte ich dagegen.
"Ich weiß. Als ich jünger war, bin ich mit einer Gruppe Abenteurer in den Dreiebenenwald gezogen, wir kamen zwar soweit unverletzt heraus, hatten uns aber ständig verirrt, da wir kaum die Sonne sehen konnten, so dicht wie die Bäume standen. Im Vergleich dazu ist der Forst eine Wiese mit Bäumen."
Ich kenne die Geschichte, früher hatte ich sie gerne zum Zeitvertreib gehört. "Warum sagst du ihnen dann nicht, dass es ein sinnvoller Beruf ist?"
"Das ist die Entscheidung deiner Eltern, nicht meine."
"Das stimmt nicht. Es ist meine Entscheidung. Sie haben mir ein Leben geschenkt und geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen. Also kann ich auch tun, was ich will."
Er lacht. "Du erinnerst mich an deine Urgroßmutter. Genau das hatte auch gesagt."
"Wollte sie nicht Priesterin der Schwanenchronik werden? Das ist doch etwas ganz anderes."
Das Lächeln liegt immer noch auf seinem Gesicht. "Aber ihre Eltern glaubten an die Würfeleule."
"Man kann doch glauben, woran man will." In Perona ist so ziemlich jede Religion vertreten und so akzeptiere ich jeden Glauben, selbst wenn ich selbst nicht gläubig bin.
"Das stimmt, aber ihre Eltern hatten sich gewünscht, dass sie ihrem Glauben folgt. So wie sich deine Eltern wünschen, dass du etwas tust, das auch ihnen gefällt." Er wird ruhig und denkt nach, deswegen unterbreche ich ihn nicht. "Aber es ist deine Sache, was du tust, solange es dir Spaß macht. Du darfst aber nicht das selbe tun wie deine Eltern, wenn du das verabscheust. Und wenn du dich in die Berufswahl deiner Schwester einmischst, tust du genau das, was du hasst."
Ich ziehe meine Nase hoch, natürlich hat er recht. Hat er immer. "Ich soll mich bei ihr entschuldigen, oder?"
Er schaut mich nur still an.
"Okay, ja, ich tu's", sage ich und springe auf. Ich habe keine Ahnung, woher ich die Energie habe, nachdem ich gerade eben noch traurig auf dem Sofa lag. "Was hat überhaupt mein Vater gesagt?"
"Dass er es bereut, dass er dich erneut geschlagen hat."
"Meine Wange tut gar nicht mehr weh, außerdem schlagen mehrere Eltern ihre Kinder. Das ist normal."
Seine hellblauen Augen schauen mich mit hochgezogenen Brauen an. "Vielleicht ist es häufiger vertreten, aber Kinder lernen besser, wenn man mit ihnen redet, und nicht, wenn man sie mit dem Kochlöffel verprügelt." Auch er steht auf, um mich zur Tür zu führen. "Aber das ist wohl nur die Meinung eines alten Hochelfen."
"So alt bist du nicht", protestiere ich. "Das sind doch nur 41 oder 42 Jahre."
"Du meinst 2250 bis 2429 Jahre", grinst er und hält mir die Tür auf. "Wir sehen uns heute Nachmittag zu deinem Magieunterricht, Liebes, und habe bis dahin noch einen schönen Geburtstag."
"Ich versuch's."
Schnell laufe ich nach Hause zurück und summe dabei furchtbar schief ein estrianisches Lied, das meine Mutter uns hin und wieder vorgesungen hatte.
Zuhause angekommen ist in der Küche nur mein Bruder, der sich gerade fertig macht zu seiner Arbeit. Ich verabschiede mich von ihm mit einen Kuss auf die Wange und gehe dann in das Stockwerk eins höher, in dem unser Bad und auch das Schlafzimmer meiner Eltern sind. Mein Bruder hat sein Zimmer auf dem Dachboden.
Ich stoße vorsichtig die angelehnte Schlafzimmertür auf und finde auf der Matratze tatsächlich meine Schwester und meine Mutter, die, wohl um sich zu beruhigen und abzulenken, etwas sticken.
Mutter sieht mit leicht geröteten Augen noch älter aus, als sie eigentlich ist, und Theo wirkt wie ihre jüngere Version, nur mit braunen statt blauen Augen, denn die Haare tragen sie auf die gleiche Weise zu einem Zopf geflochten über die Schulter und die Farbe ist auch das gleiche dunkelbraun. Mein Haar habe ich so wie mein Bruder eher von unserem Vater, ist es doch fast schwarz.
Die beiden schauen zu mir auf und die Augen meiner großen Schwester sind schlimm gerötet. So würden sie die Jungen sicher nicht küssen wollen.
Langsam schleiche ich ins Zimmer und schaue auf meine in Socken steckenden Füße. Wieso müssen Entschuldigungen immer so unangenehm sein?
"Äh ... Also, ... ich", druckse ich etwas herum und schaue dann auf. Meine Schwester starrt mich feindselig an. "Was ist, Ella, hat es dir die Sprache verschlagen? Sonst sprichst du doch auch immer alles ohne Probleme aus."
Aber meine Mutter bringt sie mit einer Hand auf der Schulter zum Schweigen. "Ja, Kleines? Hast du etwas zu sagen?" Ihre Stimme zittert leicht.
"Ich ..." Wie wollte ich das überhaupt sagen. "Mir tut es leid, dass ich dich verletzt habe, Theo", fange ich an und jetzt ist es leichter, denn ich weiß, dass es die Wahrheit ist, was ich sage. "Ich hatte dich wirklich verletzen wollen, denn dass Mutter und Vater deinen Berufswunsch akzeptieren, aber meinen nicht, finde ich ungerecht und mich verletzt es, dass du ständig auf mir herum hackst. Ich weiß doch, dass ich das blöde Extra bin, dass du mit auf die Welt gezogen hast, aber ich habe jetzt auch ein Leben, also will ich auch leben dürfen, wie ich will. Also, es tut mir leid, dass ich dir solche Sachen unterstellt habe, ich hatte aber meine eigenen, eigennützigen Gründe." Ich fühle, wie ich knallrot zum Ende hin werde, da mich meine Mutter und meine Schwester verblüfft anschauen.
Ich drehe wieder auf dem Absatz um und aus dem Haus zum Hafen, wo ich hin und wieder meinem Vater unter die Arme greife, denn das ist meine Art, den Kopf frei zu bekommen. Nicht sticken oder singen und Flöte spielen.
Diesen Tag und die folgenden schaffte ich es gut, meinen Eltern und ihrem Gesprächswunsch aus dem Weg zu gehen. Meine Schwester war unerwartet versöhnlich, aber bereits zwei Tage später stritten wir uns wieder, diesmal welche Art des Schwimmens besser wäre: Brust oder Kraulen?
David und ich hatten ohne Worte die Abmachung getroffen, nie wieder über das Geschehene zu reden und Azariel unterrichtete mich wie üblich einmal in der Woche in Arkanmagie, wobei ich tatsächlich langsam aber sicher Fortschritte erzielte.
Und dann kam das Frühjahr im Jahre 5697 nach Jarlaths Einigung...
Neujahr
Ich bin gerade dabei, die Tochter einer befreundeten Schneiderin meiner Mutter zu beobachten, mit hübschem langen roten Haar und Haut wie Elfenbein, als mein Bruder, der ebenfalls von Vater eingespannt worden ist, bei den Vorbereitungen für das Feuerwerk zu helfen, mich anstößt. "Behalte deine Augen in den Höhlen! Ich brauche dich hier beim anpacken, nicht beim schwärmen."
"Ich habe nicht gestarrt...", widerspreche ich halbherzig und packe trotzdem an.
Zwei Stunden später sind die ganzen Bänke auf dem von Marktständen geräumten Platz aufgebaut und in der Mitte steht jetzt eine Tribüne, wo Theos Band, die eigentlich nicht Theos Band, sondern die einer anderen Musikerin ist, aber Theo singt für sie, also Theos Band, heute Abend auftreten wird.
"Wunderbar geworden, danke, für eure tatkräftige Unterstützung", muss Mutter Dave und mich mal in der Öffentlich blamieren, indem sie uns in mütterlicher Manier knuddelt.
"Ja, danke, Mutter", bedanke ich mich eher distanziert und suche nachdem ich mich von ihr befreit habe, den Platz nach der schönen Isabella ab, finde sie aber nicht, dafür der ältere von Bens Söhnen mich.
"Hey, Ells", begrüßt er mich und ich drehe mich auf dem Absatz um, so tuend als habe ich ihn nicht gehört.
"Ach, jetzt warte doch mal!", beklagt er sich und rennt mir hinterher. "Ich habe doch nur eine Frage."
Genervt bleibe ich stehen und verschränke zu dem zwei Köpfe größeren Mann hoch blickend die Arme, darauf wartend, dass er fortfährt.
"Weißt du, ob deine Schwester schon eine Begleitung für-"
"Sie tanzt mit dem Jungen Alec. Dem Violinisten aus der Musikgruppe", unterbreche ich ihn. Der steht wirklich immer noch auf die... Meine Schwester hat wirklich eine seltsame Ausstrahlung auf Männer, erst vor ein paar Stunden hat mich eben das Bens anderer Sohn ebenfalls gefragt.
"Oh, okay." Er wirkt etwas niedergeschlagen, fragt dann aber sofort: "Und du? Also, würdest du mit mir tanzen wollen?"
Ich schaue den zwei Jahre älteren perplex an. Sein drei Jahre jüngerer Bruder hatte das nicht getan. "Nein. Ich suche mein Date derzeit noch." Ich habe ja die Hoffnung, dass Isabella noch frei ist... "Frag doch David, der hat sicherlich noch keine Verabredung." Damit gehe ich dann auch.
Isabella finde ich tatsächlich noch und sie anzusprechen fällt mir nicht so schwer, wie ich befürchtet habe. "Hi, Isabella... Wie geht's?"
Sie streicht sich eine widerspenstige rote Strähne hinter ein Ohr. "Oh, hi, Elladora. Ich habe glücklicherweise keine weiteren Aufgaben, also dementsprechend gut. Musst du noch etwas für deinen Vater machen?"
Ich schüttel den Kopf und versuche, mich nicht in den smaragdgrünen Augen zu verlieren. "Äh, nein, nein. Ich bin jetzt frei. Und, also, ich hätte da eine Frage an dich."
"Ja?" Sie lächelt freundlich und das lenkt mich etwas ab. "Dora?"
"Ähm... Ich wollte fragen... Hast du Lust, später mit mir zu tanzen?"
Sie schaut mich verwundert an. "Tanzen?"
"Hm", nicke ich gefühlt zu Stein erstarrt.
"Mit mir?"
"Ja?" Sie wird nein sagen, sicherlich wird sie nein sagen...
"Ähm, wenn du kein Problem damit hast, wenn ich dir auf die Füße trete..."
"Ach so", sage ich schon, mit einer Abfuhr gerechnet habend. "Äh was? Nein, nein, natürlich habe ich damit kein Problem. Ich meine, ich kann auch nicht so gut tanzen. Bin ja nicht meine Schwester", lache ich.
"Ja, das weiß ich." Diese Worte waren meist nicht sehr freundlich gemeint, aber jetzt war es anders und mein Herz tut einen Hüpfer.
"Dann bis später?", frage ich und sie nickt lächelnd.
Elektrisiert renne ich in das nordwestlich liegende Viertel, um an Azariels Tür zu hämmern.
Nach gefühlt zu langer Zeit öffnet er. "Was kann ich denn für dich tun, Ell? Denk hoffentlich nicht, ich erfinde eine Ausrede für dich vor deinen Eltern-"
"Sie hat ja gesagt!", werfe ich ihm froh entgegen. "Isabella wird mit mir tanzen!" Ich stürme an ihm vorbei ins Haus. "Ist das nicht fabelhaft?" Aufgeregt drehe ich mich mehrmals um die eigene Achse, bis mein Mentor mich anhält. "Meinen Glückwunsch. Nach dem ganzen Üben mit deiner Schwester solltest du ihr wohl auch nicht die Füße zerquetschen."
"Ach, sie ist auch nicht die Beste im Tanzen", meine ich. "Jetzt dauert es nur noch ein paar Stunden und dann stehen die Sterne am Himmel und Theo wird spielen und dann tanzen wir alle und dann das Feuerwerk...", schwärme ich und fühle mich mal tatsächlich wie ein richtiges Mädchen. "Denkst du, ich kann sie dann zum Feuerwerk auch einmal küssen? Oder wäre das zu früh?" Ich überlege kurz, warte eigentlich nicht auf eine Antwort von meinem Onkel. "Ne, ich denke, das wäre zu früh."
"Betest du sie jetzt nicht schon seit einem Jahr an?", fragt er mit seinem so typischen Lächeln. "Ich denke, du kannst es zumindest versuchen. Nur die bescheidene Meinung eines zwei Dutzend Jahrhunderte alten Hochelfen."
Den Rest der Zeit plaudern wir noch etwas und die Sonne nährt sich so langsam dem Horizont, weshalb ich mich verabschiede, auf dass wir uns auf dem Fest wiedersehen. Meine blutsverwandte Familie wollte sich nämlich noch einmal vor dem Fest im Haus treffen und unsere eigene Tradition leben: Sich in einem Kreis niederlassen und für das neue Jahr beten.
Ich stoße zuhause angekommen die Haustür auf, aber dann steigt mir ein Geruch in die Nase, den ich schon mehrere Male wenn ich mit Jarren und den Jägern unterwegs war, gerochen habe. Blut.
Mein Verstand ist halb betäubt, als ich vorwärts taumel. Ein Schritt nach dem anderen. Ich höre nichts, aber das könnte auch daran liegen, dass meine Ohren klingeln wie verrückt.
Meinen Bruder finde ich auf dem Bauch liegend als ersten. Sein etwas länger gewordenes Haar ist um seinen Kopf herum ausgebreitet und ich sehe eines seiner Augen, die stumpf das Licht reflektieren, das noch durch die Fenster hineinfällt. Ihn so zu sehen... So sieht er fast nicht aus wie mein Bruder, den ich erst vor ein paar Stunden das letzte Mal gedrückt habe.
Mein Vater liegt halb auf der Treppe, auf seinem Hemd, das sich immer über seinen breiten Brustkorb spannte, sind große, dunkle Flecken. Auch seine Augen blicken stumpf ins nichts.
Mittlerweile tränen meine Augen, aber ich schluchze nicht. Es kommt mir vor wie ein Traum. Das kann doch alles nicht wahr sein!
Ich gehe an meinem Vater vorbei die Treppe hoch. Das Licht scheint durch das Fenster im Schlafzimmer und auf dem Holzfußboden liegt meine Mutter. Aber wo ist Theo?
Von Panik getrieben klettere ich auf den Dachboden und danach hinunter in den Keller, rufe dabei immer wieder ihren Namen, aber nirgendwo sehe ich sie.
Inzwischen sehe ich gar nichts mehr, denn alles verschwimmt in dem Meer aus Tränen, ich versuche aus unserem Haus zu rennen, übersehe dabei David und falle über ihn. Von der Berührung schreie ich auf, denke doch, dass mich etwas festzuhalten versucht, aber da ist nichts.
Zitternd stemme ich mich hoch und laufe die Straße hinunter, immer wieder nach meiner Schwester rufend.
Was dann passiert, kann ich nicht genau sagen.
Leute, Nachbarn, rennen auf mich zu und fragen, was passiert sei. Manche sehen Blut an meinen Hosenbeinen, wo ich Davids Körper berührt habe. Aber ich schaffe nichts zu sagen, ich breche einfach zusammen.
Extra
Aufwachen tue ich erst später. Drei Tage später, sagt mir Azariel, der fast die ganze Zeit neben meinem Bett saß. Er sagt mir auch, dass sie Theodora im Fluss gefunden haben, aber erst ein paar Stunden nachdem ich ohnmächtig geworden bin. Sie soll nicht so schnell getötet worden sein, sondern man habe ihr davor noch schreckliches angetan, entlocke ich Azariel, der mir eigentlich gar nichts verraten wollte.
Die nächsten Tage spüre ich alles nur durch einen Schleier. Isabella kommt einmal mich besuchen, aber ich bin schlecht gelaunt und schreie sie an und so läuft sie weg.
Meine Familie wollte keinen letzten Marsch, erklärt man mir, aber ich wäre auch gar nicht in der Stimmung dazu. Meine Eltern, mein Bruder und meine Schwester werden im Kreis weniger Freunde und mir auf dem riesigen Friedhof in Tielkan bestattet. Neben den Eltern meines Vaters und deren Eltern und so weiter.
Darüber wurden Steinplatten gebettet, auf jeder standen Name und Geburts- und Todestag. Theodora Antares, David Antares, Dorothy Antares, Julian Antares, meine Großeltern väterlicherseits lagen neben Vaters Grab - Karla Antares und David Antares -, daneben Davids Bruder Samuel Antares, der als Kind verstarb, und deren Eltern Sela Antares und der angeheiratete Benjamin Antares ... Die Gräber reichen bis zu meinen Alteltern Antares und seiner Frau Siri Joyce...
Selbst Azariel, der schon seitdem er zwei Jahrhunderte alt ist unsere Familie begleitet, hatte nicht diese beiden Antares' kennengelernt. Aber außer mir gibt es jetzt niemanden mehr, der so heißt, und so wird die Familie vielleicht auch mit mir aussterben.
Als ich das Azariel sage, schaut er mich seltsam an. "Das muss sie nicht. Auch adoptierte Kinder können eine Familie weiterführen."
"Das ist nicht das gleiche", halte ich dagegen und kaue auf meiner Unterlippe. Mittlerweile ist mein 17.Namenstag gekommen und gegangen. "Aber es müssten nicht zwangsläufig eheliche Kinder sein, richtig? Wenn ich einen Jungen bekommen würde, würde ich ihn Theo nennen, das fände sie sicherlich furchtbar", lache ich, allerdings ohne große Freude.
Azariel bleibt still, aber ich weiß, dass er etwas sagen will. Aber diesmal weiß ich auch was und sage es vor ihm: "Nein, ich will nicht hier bleiben und Kundschafterin werden. Ich weiß, dass Jarren das toll fände und ich hier auch wohnen bleiben könnte. Wenn nicht bei dir, dann bei Ben oder eben Jarren, aber nach allem..." Ich denke an Isabella, aber empfinde nichts. Vielleicht bin ich noch vom Schock betäubt, vielleicht hat das Trauma meine Gefühle ausgelöscht. Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass ich ihr nicht mehr in die Augen sehen kann, nachdem ich ihr gesagt habe, sie solle sich zum Teufel scheren.
"Von dem hinterlassenen Geld würde ich mir eine Rüstung und eine Waffe kaufen, vielleicht auch einen Schild. Wenn ich genügend Geld für einen Speer zusammen bekomme, wäre es am besten. Damit kann ich ja auch ganz vernünftig fischen", spinne ich die Gedanken mal weiter.
Azariel nickt knapp. "Ich bezweifle nicht, dass du nicht überleben wirst, aber wenn du trotzdem mal in Schwierigkeiten steckst, weißt du ja, wo du mich findest." Er verstummt, spricht dann aber ein paar Minuten später weiter, als wäre keine Zeit verstrichen. "Du weißt, dass du nicht für Theodora leben musst, oder? Du bist nicht deine Schwester, das hast du selbst schon häufig genug gesagt. Jetzt musst du sie auch nicht werden."
"Machst du Witze?", frage ich im Spaß, auch wenn ich mich nicht so fühle. "Dann müsste ich mir ja die Haare wachsen lassen!" Aber wie kann ich es verantworten zu leben, während sie gestorben ist. Ich war doch nur das Extra...







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